Datenjournalismus in Regional- und Lokalmedien: Neun Handlungsempfehlungen

Juli 3, 2014     / / / / /

Datenjournalismus gilt als wichtiger Baustein für die Zukunft des Journalismus. Vor allem Regional- und Lokalzeitungen, deren Redaktionen seit Jahren mit immer dünner werdender Personaldecke gegen sinkende Auflagen kämpfen, können solche Bausteine vermeintlich gut gebrauchen. Um herauszuarbeiten, welche Voraussetzungen – technischer, wirtschaftlicher und personeller Art – gegeben sein sollten, um Datenjournalismus in den Redaktionen regionaler Medienhäuser in Deutschland strukturell zu integrieren und darüber hinaus nachhaltig und erfolgsversprechend in der Berichterstattung einzusetzen, verfasste ich im vergangenen Sommer verfasste ich meine Master-Thesis zum Thema.

Unter anderem führte ich dafür Leitfaden-Interviews mit unterschiedlichen Experten. Unter den Befragten waren Datenjournalisten mit verschiedenen Schwerpunkten, ein Wissenschaftsredakteur, ein Lokaljournalist und ein Sportjournalist. Die Positionen, die die Befragten innehatten, variierten – von Freiberuflern über Ressortleiter hin zur Chefredaktion.

 

Am Ende standen u.a. die untenstehende Empfehlungen

Die gesamte Thesis gibt es hier zum Download.

1. Freiräume in der Redaktion schaffen

Datengeschichten sind hinsichtlich Recherche und Aufbereitung häufig zeitintensiv. Trotzdem läuft das Tagesgeschäft in der Redaktion nebenbei weiter. Für einen Redakteur in einem regionalen Zeitungsverlag kann es schwierig sein, sich die nötigen Freiräume für eine datenjournalistische Geschichte zu nehmen. Das Problem: Wenn die Arbeit an einem DJ-Projekt immer wieder wegen des Tagesgeschäfts unterbrochen werden muss, wird der Rechercheur in seiner Arbeit gebremst oder sogar zurückgeworfen. Im schlimmsten Fall bleibt dann eine vielversprechende Datengeschichte wegen Zeitmangel liegen. Mitarbeiter, die mit datenjournalistischen Projekten betraut werden, sollten daher die Möglichkeit bekommen, sich gegebenenfalls eine Zeit lang aus dem schnelllebigen Nachrichtenalltag herauszuziehen. Im Idealfall werden perspektivisch reine Datenjournalisten-Stellen geschaffen. Um sich der Materie vorsichtig zu nähern, kommt zunächst für Verlage gegebenenfalls eine Schaffung von Teilstellen in Frage, welche ein festgelegtes Zeitfenster für datenjournalistische Projekte garantieren.

 

2. Auf Teamwork setzen

Datenjournalismus ist ein arbeitsteiliges Feld, in dem viele verschiedene Kompetenzen hilfreich oder auch notwendig sein können. Vor allem bei größeren und komplexeren Projekten sollten Journalisten nicht mit aller Kraft versuchen, alles alleine zu stemmen – auch wenn sie dies aus der klassischen Redaktionsarbeit im Lokalen oder Regionalen möglicherweise gewohnt sind. Bei datenjournalistischen Projekten sollte projektorientiert auf Teamwork gesetzt werden, so kann jeder Beteiligte seine Stärken ausspielen. Das bedeutet für einen beteiligten Journalisten, dass er nicht zwangsläufig programmieren lernen muss, um Datenjournalismus zu betreiben. Gleichwohl sollte er eine hohe IT-Affinität mitbringen und in der Lage sein, fachlich auf Augenhöhe mit kooperierenden Grafikern und Programmierern über das Projekt zu sprechen.

 

3. Ein eigenes Budget für Datenjournalismus einrichten

Um eine Rahmenangabe zu den zur Verfügung stehenden Mitteln zu schaffen, sollte bei der Jahresplanung ein bestimmtes Budget für datenjournalistische Projekte festgelegt werden.
Ähnlich wie Nagel es mit Blick auf investigative Projekte beschreibt, würde es sowohl dem verantwortlichen Redaktionsmanager wie auch den Rechercheuren Planungssicherheit geben, wenn Klarheit darüber herrscht, aus welchem Topf das Geld für die Recherchekosten stammt und welche Summe für entsprechende Projekte garantiert zur Verfügung steht (vgl. Nagel 2007, S. 298 – Hinweis: Quellenverzeichnis ist in der Thesis unter dem obenstehenden Link einsehbar).

 

4. Auf Nachhaltigkeit und Skalierbarkeit achten

Wenn ein datenjournalistisches Projekt nachhaltig ist, kann die gesamte Redaktion eines Zeitungshauses über einen längeren Zeitraum von den Rechercheergebnissen profitieren – etwa indem Lokalredaktionen Folgegeschichten für ihre Verbreitungsgebiete aus den Daten herausziehen. Im besten Fall lassen sich die bei der erfolgreichen Durchführung eines Projektes gewonnenen Erkenntnisse auf weitere datenjournalistische Vorhaben übertragen, was dann wiederum bei deren Bearbeitung zeit- und kostensparend wirken kann. Das kann den gegenüber klassischen Recherchen häufig höheren Aufwand gegebenenfalls auch auf mehrere Projekte verteilen und rechtfertigt so möglicherweise die Ausgaben gegenüber der Leitungsebene.

 

5. Mitarbeiter und den Nachwuchs schulen

Datenjournalismus und Computer Assisted Reporting erfordern ein spezielles journalistisches und technisches Knowhow. Medienhäuser, die den Einsatz dieser Techniken in der eigenen Redaktion in Erwägung ziehen, sollten ihre Mitarbeiter entsprechend schulen (lassen) – und nicht darauf bauen, dass sich die Redakteure die Fähigkeiten aufgrund einer Affinität im Selbststudium aneignen. Gleichzeitig sollten grundlegende Fähigkeiten bereits in der Ausbildung des Nachwuchses vermittelt werden.

 

6. Kooperationspartner suchen

Mitunter verfügen bestimmte Institutionen über aus journalistischer Sicht interessante Datensätze, die zwar nicht ohne weiteres zugänglich sind, aber möglicherweise von den Einrichtungen im Rahmen einer Kooperation zur Verfügung gestellt werden. Beim stern-Gesundheitsatlas wurde etwa auf Daten von Krankenkassen zurückgegriffen (vgl Koch 2013). Koch rät darüber hinaus, Partnerschaften mit wissenschaftlichen Instituten anzustreben. Diese seien an Veröffentlichungen häufig interessiert, auf der anderen Seite biete sich Redaktionen durch die Partnerschaft die Möglichkeit, an gewünschte Daten heranzukommen (vgl. Koch 2013).
Diese Devise kann auch bei anders gearteten Einrichtungen, etwa Verbänden, anzutreffen sein. Möglicherweise tun sich dadurch für Journalisten Quellen auf, die die Berichterstatter vorher nicht in Erwägung gezogen hätten.

 

7. Öffentliche Informationen einfordern oder notfalls einklagen

Der Abschied vom Amtsgeheimnis ist trotz geltender gesetzlich verbriefter Informationsfreiheit in den Köpfen von deutschen Behörden-Mitarbeitern häufig noch nicht vollzogen. Um diesen zu beschleunigen und um Musterfälle zu schaffen, sollte bei Anträgen nach dem IFG auf die Herausgabe der benötigten Daten bestanden werden – auch wenn die Behörden die gesetzlichen Fristen maximal ausschöpfen und der Antrag möglicherweise durch eine Klage untermauert werden muss. Natürlich müssen drohende Kosten, vor allem durch den Rechtsweg, sorgfältig abgewägt werden – doch nur, wenn Medienvertreter auf ihren Auskunftsrechten bestehen, kann ein Mentalitätswechsel hin zu einer selbstverständlichen Informationsfreiheit in den Amtstuben stattfinden.

 

8. (Möglichen) Wandel der klassischen Journalisten-Rolle akzeptieren

Journalisten sind es klassischerweise gewohnt, ihre Quellen unter Verschluss zu halten und in einer Gatekeeper-Rolle darüber zu entscheiden, welche Informationen der Öffentlichkeit preisgegeben werden oder nicht. Im Datenjournalismus wandelt sich diese Rolle mitunter dahingehend, dass die Journalisten von Hütern eher zu Kuratoren der Information werden. Zwar suchen sie aus einem Datensatz noch immer das Relevante heraus und erklären dem Publikum Zusammenhänge und Hintergründe. Statt das Quellmaterial jedoch unter Verschluss zu halten, gehen Datenjournalisten mitunter dazu über, den Rohdatensatz zu einem Beitrag mitzuveröffentlichen (vgl. Matzat 2010). Das muss keinen Nachteil für die Journalisten bedeuten. Es schafft einerseits Transparenz und verhilft darüber hinaus möglicherweise zu neuen Impulsen seitens der Rezipienten.

 

9. Den journalistischen Ansatz beibehalten

Man sollte Daten nicht nur veröffentlichen, weil man sie gerade an der Hand hat. Wie bei allen journalistischen Veröffentlichungen sollte auch bei Datengeschichten eine Relevanz gegeben sein, Hintergrund und Kontext für den Leser vor Ort von begründetem Interesse sein.
Darüber hinaus sollten die Datenbeiträge echten Mehrwert für den Leser bieten, nicht nur schmückendes Beiwerk sein. Es sollte die optimale Darstellungsform gewählt werden, sei es eine Infografik, ein Text oder eine Online-Anwendung. So kann im Regionalen oder Lokalen eine interaktive Karte, auf der aktuelle Geschehnisse verortet werden, ein besserer Weg zur Vermittlung von Informationen sein, als ein langer Text mit Ortsbeschreibungen zu den Ereignissen.